Atemtherapie

Was verstehen wir unter Atemtherapie?

Die Atembewegung

Ein zentrales Kennzeichen der Atemtherapie ist die Erfahrung der Atembewegung.

Leben ist Bewegung, es teilt sich durch Bewegung mit und drückt sich in Bewegung aus. Das Empfinden der eigenen Atembewegung ermöglicht die Begegnung mit einer Urbewegung des Lebens, den Kontakt mit dem Leben selbst.

Der Atemrhythmus

So einzigartig und individuell wie die persönliche Handschrift ist auch der Atemrhythmus.

Er spiegelt oftmals die persönliche Lebenssituation wider. Der Rhythmus des Atems – also das Verhältnis von Einatem zu Ausatem und Atemruhe – ist auch Abbild der jeweiligen körperlichen, seelischen und geistigen Verfassung.

Der ursprüngliche, natürliche Rhythmus kann im Laufe des Lebens durch äußere und innere Einflüsse verloren gehen. Er wird dann oft überlagert durch angenommene, sich verfestigende und oft auch einengende Atemmuster.

Ein Ziel der Atemtherapie ist es, den ursprünglichen, individuellen in sich ausgeglichenen Rhythmus wieder zu entdecken und zu stabilisieren.

„Das Ziel ist der Mensch selber, die Entfaltung seiner Möglichkeiten, die Bekanntschaft mit seinen Kräften. Gemeint ist sowohl bei Kranken, als auch bei Gesunden die Arbeit an ihrer inneren Entwicklung.“

(Cornelis Veening, tiefenpsychologische Atemtherapie, Lehrer von Ilse Middendorf)

Der zugelassene Atem

Bei der Atemarbeit wird der Atem zugelassen und nicht willentlich beeinflusst. Lediglich eine bewusste Entscheidung, sich auf die Erfahrung mit dem Atem einzulassen, ist am Anfang erforderlich. Die innere Haltung während der Atemarbeit ist bewusste Wahrnehmung, Akzeptanz und Hingabe.

Dieses vielleicht etwas altmodisch klingende Wort will besagen, dass ich körperliche und seelische Veränderungen absichtslos, nicht wertend, aber dennoch wach und aufmerksam wahrnehme.

Im Unterschied zu anderen Atemlehren, in denen vorgegeben wird, was „richtiges Atmen“ bedeutet, geht es also nicht um die Vermittlung von Atemtechniken.

Die Erfahrungen, die Übende machen und mitteilen, werden angenommen und reflektiert, es findet keine Bewertung statt. Insofern ist die Atemarbeit undogmatisch – kein anderer weiß, was gut für mich ist.

Der Atemweg

Die Atemarbeit ist immer ein offener Prozess, unvorhersehbar und stets neu in den Möglichkeiten der eigenen Erkenntnisse und Persönlichkeitsentwicklung.

Sicherheit, Freude, Leichtigkeit, Selbstbewusstsein, Gelassenheit, Eigenständigkeit und die Entfaltung kreativer Kräfte sind wichtige Erfahrungen des Übungsweges.

Dies unterscheidet die Atemarbeit von Entspannungsverfahren und Körpertherapien, die ihr Hauptaugenmerk auf die Versorgung des Körpers mit Sauerstoff und die Auflösung von hypertonen Zuständen (Blockaden) richten. Es geht um das Finden einer existenziellen Atemkraft, durch die Wandlung und Veränderung für die Einzelnen möglich wird. Das umfasst auch das Freisetzen von Selbstheilungskräften bei gesundheitlichen Einschränkungen.

Atemtherapie in der Einzelarbeit

Die Einzelarbeit geht auf die persönlichen Anliegen der Klientin / des Klienten ein. Sie wird individuell gestaltet. Während der Atembehandlung liegt die Klientin / der Klient bekleidet auf einer bequemen Liege. Die Behandlung –  auch „Atemgespräch“ genannt – ermöglicht eine Begegnung mit dem eigenen Atem, vermittelt über die Hände der Person, die behandelt. Körperempfindungen wie z.B. Wärme, Kühle, Weichheit, Weite, Raum werden bewusst wahrgenommen. Die  Empfindung der Atembewegung führt zur Vertiefung, Kräftigung und Weitung der Atmung.  In der Folge kann es zu einer Tonusregulierung (Eutonus – Wohlspannung) kommen, d.h. verspannte Körpergegenden können sich lösen, unterspannte Bereiche bauen Kraft auf. Im Vertrauen auf den eigenen Atem und die begleitenden Hände fühlt sich die liegende Person getragen und angenommen. Der Atem kommt ins Fließen.

Atemtherapie in der Gruppenarbeit

In der Gruppe  werden einfache, leicht erlernbare Bewegungsübungen angeleitet, die auf die Wahrnehmung von Körperempfindungen und der Atembewegung zielen. Leitprinzip ist die Präsenz und die Sammlung hin zu den Körpergegenden, die durch Bewegung angesprochen wurden. Nach einer Übung folgt eine Phase des Ruhens und Nachspürens. Das  Erfahrene kann bewusst werden und eine tiefere Wirkung entfalten.
In der Gruppenarbeit ist der verbale Austausch mit den anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern gleichfalls ein wichtiger Bestandteil. Hierbei geht es nicht um „Richtig“ oder „Falsch“, sondern immer um die individuelle Erfahrung der Einzelnen.

Atemtherapie für alle

Die Atemtherapie richtet sich an Menschen jeden Alters, weder Einschränkungen der Gesundheit noch in der Beweglichkeit stellen ein Hindernis dar. Die Einzelnen können auf ihrem jeweiligen Niveau in die Atemarbeit einsteigen. Eine besondere Kleidung oder Ausstattung ist nicht erforderlich.